Wohin mit dem Zorn?
Erstellt von Dirk Werhahn am Donnerstag 2. September 2010
Ein Kommentar von Dirk Werhahn
Ludwigsburg, 1.9.2010. Heute Nachmittag am Stuttgart Hauptbahnhof. Der Bagger beißt sich in den Nordflügel. Es ist laut und staubig. Viele tragen Mundschutz. Die Abrissarbeiten an Stuttgart 21 gehen weiter. Das schmerzt. Einige Menschen stehen schweigend am Nordflügel. Andere zeigen offen Ihren Zorn. Energie pur. Zum Glück Epot.
Die letzten Tage fühlten sich an, wie eine Achterbahnfahrt. Die 50.000 engagierten, lauten und friedlichen Demonstranten am vergangenen Freitag hatten Mut gemacht. Auch weckt der Regenbogen am Ende der Veranstaltung Assoziationen und Fragen: Wird er den Bahnhof beschützen? Oder ist es doch nur eine Lichtbrechung? “Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.” (1. Mose 9,13)
Noch in der Freitag Nacht beginnt die Diskussion um einen Runden Tisch. Erst lädt Bahnchef Grube ein. Dann Ministerpräsident Mappus und Winfried Kretschmann (Fraktionschef der GRÜNEN). Das macht einerseits Hoffnung, macht aber auch Menschen im Aktionsbündnis nervös, denn es ist nicht klar, inwieweit Vorbedingungen gefordert werden oder nicht. Nach zwei Tagen wird heute klar, Grube und Mappus wollen nicht über einen Baustopp verhandeln. Dies ist offensichtlich, denn sie lassen weiter die Fassade des Nordflügels abreissen. Grube und Mappus wollen die Gesprächen vermutlich nur dafür nutzen, um fürs Weitermachen zu werben. Schlecht.
Am Bauzaun machen sich Gedanken wie “Die Tun doch eh was sie wollen.” oder “Arroganz der Macht” breit. Wehe wenn sich diese Epot schlagartig in Ekin wandelt. Alle Beteiligten stehen in den große Verantwortung, dass sich die vorhandene Energie langsam ausbreitet. Das ist sinnvoll, denn vor dem Widerstand liegt noch viel Arbeit. Dazu braucht es viel Kraft, denn der Weg kann lang sein.
Gut ist auch, dass die Gesprächsinhalte von den Gegnerinnen und Gegnern formuliert sind: Kosten des Gesamtprojekts Stuttgart 21 und der Neubaustrecke, Finanzierung jenseits der Sollbruchstelle von 4,5 Milliarden, Leistungsfähigkeitsanalyse von Stuttgart 21 und dem dadurch neu entstehenden Netz (sma-Gutachten), Bewertung der geologischen Gutachten, Offenlegung der Wirtschaftlichkeitsberechnung für die Neubaustrecke und Klärung der möglichen Ausstiegskosten.
Der Widerstand wird wohl bis zur Landtagswahl durch halten: Baden-Württemberg steht vor einer Sensation. Laut Forsa können GRÜNE und SPD die Mehrheit von CDU und FDP brechen. Außerdem zeigt die aktuelle Ausgabe des stern, dass die Demonstrantinnen und Demonstranten für eine breite Mehrheit in Stuttgart sprechen. 51 Prozent der Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger antworten auf die Frage, ob sie für das Großprojekt seien, mit “nein”. Nur 26 Prozent mit “ja”. 23 Prozent wissen es nicht. Noch deutlicher ist die Ablehnung in Stuttgart selbst: Zwei Drittel (67 Prozent) der befragten Stuttgarterinnen und Stuttgarter sind gegen den Umbau des Bahnhofs, 30 Prozent dafür und 3 Prozent unentschieden. Die noch zu hörende These der S21 Befürworter, dass die Demonstraten nicht die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger repräsentieren, ist wiederlegt. Das macht Mut und zeigt wo der Zorn hingehört:
In ausdauernden Widerstand. OBEN BLEIBEN!
………… Der Autor ist Mitglied im DVPJ ………………
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